Donnerstag, 16. Juni 2011

Weinen fuehrt zum Erfolg - oder - Das Auswahlverfahren fuer das Studium

Vor einigen Wochen begann das Auswahlverfahren für den nächsten Jahrgang des Fernstudiums (weitere Informationen hierzu hier). Das Auswahlverfahren läuft folgendermassen ab:
  1. In einer Ausschreibung werden alle Interessenten, die die Zulassungskriterien erfüllen, eingeladen sich schriftlich zu bewerben. Als Unterlagen sind notwendig: ein Bewerbungsschreiben, Secondary school Zeugnisse (entspricht dem Zeugnis einer weiterführenden Schule), Nachweis ausreichender Englischkenntnisse, ein Empfehlungsschreiben entweder eines Community Leaders, einer Kirche, Organisation etc.
  2. Im Anschluss an die schriftliche Bewerbung werden ca. 100 Kandidaten zu einem schriftlichen Test eingeladen und von denen dann
  3. rund 55 für ein Vorstellungsgespräch eingeladen.
Am Ende werden dann 35 Bewerber für das Studium zugelassen.

In die Ausarbeitung der Ausschreibung wurde ich nicht einbezogen und in die Auswahl der Kandidaten für den schriftlichen Test nur ein wenig. Da diejenigen, die für das gesamte Auswahlverfahren unerwarteterweise nicht vor Ort waren, durfte ich dann den schriftlichen Test organisieren. Eigentlich kein Problem, wären da nicht die vielen Beschwerden von Bewerbern gewesen, die es kaum fassen konnten, dass sie nicht für den schriftlichen Test berücksichtigt wurden. Ich durfte letztlich ausbaden, was andere zuvor geplant hatten. Die Bewerbungs- 
Bewerber registrieren sich fuer den schriftlichen Test und warten gespannt
auf den Beginn. Fuer Fluechtlinge ist das Fernstudienprogramm eines der
wenigen Moeglichkeiten fuer Bildung nach Beendigung der Schulzeit.
kriterien wurden m.E. viel zu hoch angesetzt; ich hätte bei einer Flucht jedenfalls nicht als erstes mein Abiturzeugnis eingepackt und ein Nachweis von Englischkenntnissen gestaltet sich schwierig -es gibt nur wenige Sprachkurse im Lager. Und was ist mit denjenigen, die auf eigene Faust Englisch lernten? Welchen  Nachweis sollen sie erbringen? Die schließlich getroffene Auswahl für den Test empfand ich als teilweise willkürlich. Die ersten Beschwerden versuchte ich freundlich aber bestimmt abzulehnen, da die Auswahl ja getroffen sei. Schließlich meinte der Chef von JRS vor Ort, er würde mir voll Vertrauen. Die Kriterien seien sicherlich zu hoch gesteckt gewesen. Wenn sich jemand beschwere, so könne ich die Unterlagen nochmals durchgehen und entscheiden, ob eine Zulassung zum Test erfolgen soll. So durfte ich mich dann drei Tage lang mit Beschwerden auseinandersetzen bzw. Flüchtlingen, die verschiedene Gründe vorbrachten, weshalb sie sich zu spät beworben hatten. Was sollte ich nun machen? Wenn ich jedem sage, dass er doch zum Test kommen kann, so spricht sich dies herum und alle beschweren sich - getreu dem Motto: Wer sich nicht beschwert, ist selbst Schuld! Und wenn jemand sich zu spät bewirbt? Irgendwo muss eine Grenze gesetzt sein.

Eine der ersten Beschwerden wurde von einer Frau vorgebracht, die eine Bewerbung für ihren Sohn eingereicht hatte, der sich im Bewerbungszeitraum in Nairobi aufhielt. Leider lag der Bewerbung  kein Motivationsschreiben, kein Empfehlungsschreiben und kein Nachweis der Englischkenntnisse vor. Die Frau flehte mich an, dass ich doch ihren Sohn berücksichtigen soll. Als ich meinte, dass aber nicht die erforderlichen Unterlagen vorhanden gewesen seien und er nicht berücksichtigt werden könne, begann sie zu weinen. Ich meinte daraufhin, dass sich der Sohn nächstes Jahr wieder bewerben könne. Doch sie ließ sich nicht beruhigen. Schließlich meinte ich, dass der Sohn eben zum Test vorbeikommen solle.  An diesem Tag erinnerte ich mich an eine Erzählung aus der Autobiographie des hl. Augustinus. Dort heisst es:
"Als sie (Augustinus Mutter) sich trotz dieser Worte noch nicht beruhigen wollte, sondern mit Bitten und unter einem Strom von Tränen heftiger in ihn drang, er solle doch mich (Augustinus) sehen und mit mir sprechen, da sagte jener, beinahe schon unwillig: "Gehe von mir, denn so wahr du lebst, es ist unmöglich, dass ein Sohn solcher Tränen untergehe." (Confessiones des Augustinus, Drittes Buch Kapitel 12)
Von diesem Moment an erteilte ich jedem, der sich beschwerte die Erlaubnis am schriftlichen Test teilzunehmen - selbst einem, der sich noch gar nicht beworben hatte und erst einige Stunden im Anschluss an den Test die Bewerbung einreichte. In diesen Tagen fragte ich mich häufig, ob ich richtig handle.  Am Tag der schriftlichen Bewerbung hatte ich jedoch Gewissheit. Von denjenigen, die sich beschwert hatten, kamen alle zum Test - von den anderen rund 100 Kandidaten jedoch in etwa 20 nicht. Wer eine Beschwerde einreichte, war also wirklich motiviert! Und wie sich später herausstellte, schnitten viele von ihnen auch extrem gut ab.

Im Test galt es dann eine Stellungnahme zu einer Rede Nyeres zu verfassen. Nyere war der erste Praesident Tansanias und sehr angesehen. Er wird von vielen Menschen verehrt und galt als sehr fromm. Nyere sagte:
"Diejenigen, die dieses Privileg erhalten, haben daher die Pflicht, die Opfer, die andere aufgebracht haben, zurückzuzahlen. Sie sind wie ein Mann, der alle Nahrungsmittel eines verhungernden Dorfes zur Verfügung gestellt bekommt, damit er stark genug ist, um die Chance zu erhalten Lebensmittel von einem entfernten Ort ins Dorf zu bringen. Wenn er die Nahrung nimmt und seinen Brüdern nicht hilft, so ist er ein Verräter. Ähnlich ist es mit jungen Männern und Frauen, die von unserem Volk eine Ausbildung ermöglicht bekommen und eine Überheblichkeit entwickeln oder es unterlassen ihr Wissen zur Entwicklung ihres Landes zur Verfügung zu stellen; dann verraten sie unsere Gemeinschaft." (Nyere, J.K. – Rede im Parlament in Dar es Salaam am 12. Mai 1964)
Ob die Studenten dies für ihr Leben übernehmen? Es ist zu hoffen - und dem Kontinent  Afrika zu wünschen, denn viele hier in Politik, Wirtschaft und Verwaltung sind leider reinste Gauner.

1 Kommentar:

  1. Mensch ist das ein schöner Bericht. Ich will mehr wissen: Wie war die Auswahl der 55 dann? Wie liefen die Gespräche? Ein Bewerbungsverfahren ist doch immer wieder etwas spannendes, bei dem man viel Lernen kann.
    K.

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